Dienstag, 18. November 2014

Interview mit Axel Saalbach

Vor kurzem habe ich das Erstlingswerk von Axel Saalbach gelesen (Rezi hier), danach war er so freundlich und hat einem Interview zugestimmt, worüber ich mich sehr freue.

1. Wie bist du dazu gekommen ein Buch zu schrieben?
Die ganze Sache hatte viele Jahre Vorlauf und nahm einen Umweg, der inhaltlich gar nichts mit meinem Buch zu tun hat. Alles begann damit, dass ich vor vierzehn Jahren in einer Unterhaltung mit einem Augsburger Studenten den Beschluss gefasst hatte, eine Kampfsport-Webseite zu gründen. Nach einer Weile fing ich an, Kolumnen auf der Seite zu veröffentlichen. Auf der einen Seite handelte ich mir dadurch pausenlos wütende E-Mails von denjenigen Fans ein, deren Idole ich zu offensiv kritisiert hatte, ich bekam aber auf der anderen Seite auch zahlreiche nette Zuschriften, die nicht nur meine Arbeiten lobten, sondern immer häufiger fragten, ob es von mir auch mal etwas "Richtiges" zu lesen gäbe.

Nach und nach wuchs die Leserzahl auf eine fünfstellige Größe pro Ausgabe an. Das ist nun etwa zehn Jahre her, und genau in dieser Phase unternahm ich einen ersten Versuch, ein Buch zu schreiben. Anfangs ging ich relativ konzeptlos an die Sache, aber nach und nach fügte sich alles zusammen, bis ein Festplattenschaden die Arbeit von vielen Wochen kaputtmachte. Anschließend war ich zunächst zu frustriert, um von vorne zu beginnen, später fehlte mir die Zeit dafür. Vor knapp drei Jahren hatte ich diese dann plötzlich wieder. Also habe ich wieder mit dem Schreiben begonnen, diesmal jedoch von vorneherein mit einem umfangreichen Konzept und wesentlich strukturierter.

2. Möchtest du noch weitere Bücher schreiben?

Tatsächlich habe ich sogar schon ein komplett geschriebenes Manuskript für ein zweites Buch in der Schublade. Dort wird es jedoch eine Weile verbleiben, denn ich habe nicht geplant, es zu meiner zweiten Veröffentlichung zu machen. Seitdem ich einen Verlag für meinen Debütroman gefunden habe, habe ich den Buchmarkt noch viel intensiver betrachtet als zuvor, und mir meine Gedanken gemacht, wie ich mit einer zweiten Veröffentlichung zielgenauer "angreifen" könnte. Bei meinem Erstlingswerk "Das Haus Komarow" habe ich mir relativ unbedarft ein Szenario ausgedacht, in dem Fall ein dystopisches Deutschland, eine passende Geschichte konstruiert und mir dann Gedanken gemacht, wie ich sie am besten umsetzen sollte. Herausgekommen ist ein Buch, das in etwa genau dem entspricht, was ich selbst lesen würde. Allerdings müssen alle anderen natürlich erst einmal bemerken, was ich da überhaupt geschrieben habe. ;) Man erkennt schnell, dass die Mühlen der Buchwelt extrem langsam mahlen und viele Leser tendenziell eher zu Büchern greifen, die vom Konzept sehr nahe an Büchern dran sind, die sie ohnehin regelmäßig lesen, und die einige spezielle Kriterien schon auf Anhieb erfüllen. Leser sind für neue Ideen und neue Autoren zwar durchaus offen, aber ohne eine große Propagandamaschinerie im Hintergrund oder glückliche Fügung, die ein spezielles Buch viral durchstarten lässt, bekommt die potenzielle Leserschaft davon ja erst gar nichts mit.

Aufgrund von einigen Reaktionen, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe, habe ich das Gefühl, dass viele Leute, denen "Das Haus Komarow" gefallen könnte, dies gar nicht bemerken werden, weil die erwähnten Kriterien nicht auf den ersten Blick erfüllt werden. Das fängt schon beim russischen Namen im Titel an. Der merkwürdigste Kommentar in dem Zusammenhang stammte von einer Userin, die zum Schluss kam, dass Bücher "über den Balkankrieg" nichts für sie wären. Dabei hat mein Buch gar nichts mit dem Balkan zu tun, und auch nicht mit einem Krieg. Tatsächlich gibt es in meinem "Zukunftsdeutschland" im Hintergrund einen Krieg, aber dieser wird nur namentlich erwähnt. Stattdessen erzählt das Buch die Geschichte des jüngsten Sohnes der Familie Komarow, dem der Mord an seinem Vater in die Schuhe geschoben wird. Obwohl er unschuldig ist, muss er zunächst flüchten. Anschließend versucht er gemeinsam mit seinem treuen alten Hund nach Berlin zurückzukehren, um dort dem wahren Übeltäter das Handwerk zu legen – nämlich seinem eigenen Bruder.

Andere Stimmen vermuteten ein "politisches Buch", was vermutlich an der aktuellen tatsächlichen politischen Situation liegt, denn ausgerechnet jetzt, da es zwischen Russland und dem Rest der Welt brodelt, wurde in meinem Buch Deutschland von russischer Seite übernommen. Das Buch ist vollkommen unpolitisch, aber es ist schon faszinierend, welche Eindrücke entstehen können. ;) Ich schätze, man würde dem eigentlichen Inhalt des Buches viel mehr Aufmerksamkeit widmen, wenn ich schon ein viel bekannterer Name als Autor wäre. So aber muss ich stärker darauf setzen, dass bei einem Buch von mir auf den ersten Blick erkennbar ist, dass das Lesen Spaß machen könnte. Also habe ich inzwischen eine Buchidee ausgearbeitet, die nahe genug am "Mainstream" sein dürfte, um bei vielen Leuten sofort Interesse zu wecken, in der aber trotzdem noch so viel von mir selbst drin stecken wird, dass mir das Schreiben uneingeschränkt Spaß machen wird. Daran arbeite ich nun seit kurzem. Sollte ich mit dieser Idee (oder einer anderen zukünftigen Idee) für mehr Aufmerksamkeit gesorgt haben, kann ich dann immer noch die zweite Deutschland-Dystopie aus der Schublade zaubern, denn dann werden sich hoffentlich auch mehr Leute davon überzeugen lassen, dass hinter dem merkwürdigen russischen Namen im Titel doch eigentlich ein ganz lesenswertes Büchlein steckt. ;)

3. Wie dürfen wir uns deinen Arbeitsplatz vorstellen, wenn du schreibst?
Was meinen Arbeitsplatz angeht, so bin ich relativ eingeschränkt: Da ich so sehr an meine PC-Tastatur gewöhnt bin, dass ich mit meinen ungelenken Fingern auf sämtlichen Notebooks pausenlos daneben tippe, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als am heimischen Rechner zu schreiben. Ich habe also leider nicht die Möglichkeit, mir irgendein schönes Plätzchen zu suchen und dort ein, zwei Kapitel entstehen zu lassen, sondern sitze beim Schreiben immer wieder auf dem gleichen Platz vor den gleichen beiden Monitoren. Der eine wird zum Schreiben benötigt, der andere, um Dinge kurzfristig im Internet recherchieren zu können, und um gegebenenfalls Wörter & Co. noch einmal überprüfen zu können. Da bei mir die Schule so lange her ist, dass ich dort nicht die (inzwischen nicht mehr ganz so neue) "Neue Rechtschreibung" gelernt hatte, bin ich inzwischen bei ein paar Dingen wie der korrekten Zusammenschreibung so konfus, dass ich viele triviale Sachen doppelt und dreifach nachsehe, damit der Lektor hinterher keinen Nervenzusammenbruch bekommt.

Da mein erstes Buch eine Dystopie war, war kein großer Rechercheaufwand nötig, ich musste nicht herumreisen, und die meisten Fragen konnte ich mir per E-Mail beantworten lassen. Das ist einer der großen Vorteile einer Dystopie: Was man nicht so einfach herausfinden kann, das wird einfach vom hypothetischen Rad der Zeit überrollt und aus der Story gestrichen. ;) Dadurch kann man sich Recherche sparen und stattdessen die eigene Fantasie spielen lassen. Bei meinem neuen Projekt, das keine Dystopie werden wird, sondern im Hier und Jetzt spielen soll und dabei Bezug auf ein paar vergangene Ereignisse nehmen wird, wird es wiederum das komplette Gegenteil, es steht jetzt ein massiver Brocken Recherchearbeit vor mir. Daher werde ich den heimischen Rechner nun viel häufiger verlassen müssen, um mich anderweitig umhören und umsehen zu können.

Ansonsten muss mein Arbeitsplatz nur noch einen wichtigen Punkt erfüllen: Er muss nach Möglichkeit totenstill sein. Ich lasse mich durch Nebengeräusche und ähnliche Dinge sehr schnell ablenken, schnappe irgendetwas auf, das ich dann erst einmal nachsehen oder überprüfen will, und dann ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich eigentlich schon wieder seit einer Viertelstunde im Internet herumsurfe, anstatt mit dem Schreiben fortzufahren.

4. Was Inspiriert dich beim schreiben?
Die größte Inspiration ist eigentlich die gute Laune, so simpel das klingt. Ist die Laune schlecht, brauche ich eigentlich gar nicht erst anzufangen, etwas zu schreiben, denn dann muss ich um jeden Satz kämpfen. Spaß macht das Schreiben dann sowieso nicht. Ist die Laune hingegen gut und der Kopf frei vom Schlamassel des Arbeitsalltags, schreibt sich alles fast wie von selbst.

5. Dein Buch handelt von einer Russischen Familie, wie bist du gerade auf dieses Land gekommen?
So viel sei schon mal gesagt: Es hat nichts mit dem zu tun, was sich gerade in der Welt tut. In der gleichen Woche, in der ich im Frühjahr 2012 mit dem Schreiben der Geschichte angefangen hatte, hatte Wladimir Putin gerade einen Glückwunschanruf von Angela Merkel zur gewonnenen Präsidentschaftswahl bekommen. Damals waren die deutsche und die russische Führung also noch dicke Freunde. ;) Die erste Idee zu meinem Deutschlandszenario bestand darin, dass das heutige Deutschland von einer fremden Macht überrollt werden sollte. Auch wenn mein Buch in einer recht fernen Zukunft spielt, hätte es einfach merkwürdig geklungen, wenn Deutschland von Luxemburg oder Dänemark übernommen worden wäre. ;) Es blieben letztlich nur ein paar Nationen, bei denen das Szenario nicht albern geklungen hätte, und ein erstarktes und zum Zarentum zurückkehrtes Russland hörte sich einfach am passendsten an. Daher waren dann die russischen Namen der Protagonisten die zwangsläufige Folge.

6. Was liest du gerne privat?
Ich bin auf keine spezielle Schublade festgelegt. Stattdessen gibt es ein paar Genres, die mich überhaupt nicht interessieren. Innerhalb aller anderen Genres kaufe ich mir Bücher, wenn ich vom jeweiligen Autor ohnehin jede Neuerscheinung lese, wenn ich interessante Blogreviews, Zeitungsartikel oder andere Berichte darüber gelesen habe und mir die Leseprobe zugesagt hat, wenn ich gezielt nach einem Buch zu einem bestimmten Thema gesucht habe, oder wenn mir ein Buch unmittelbar von Bekannten empfohlen wurde. Hinzu kommt noch, dass ich Leiter von Leserkanone.de bin, einer Rezensionsseite, und wenn ich dort auf ein Buch stoße, das von vielen Usern als gut bewertet wird, dann schnuppere ich hinein, weil ich mir dann selbst ein Bild davon machen möchte, was zu den Wertungen geführt hat.

7. Welche Tipps kannst du jungen Leuten geben die auch gerne ein Buch schreiben würden?

Auch wenn man von seinem eigenen Geschriebenen voll und ganz überzeugt ist, sollte man als Jungautor mit einem gewissen Grad an Demut an die Buchwelt herantreten – es gibt schließlich allein in deutscher Sprache etwa hunderttausend Neuerscheinungen pro Jahr, und kein Leser hat ausgerechnet auf Newcomer XYZ gewartet. Letztlich schreibt man Bücher mit dem Ziel, dass sie auch von möglichst vielen Leuten gelesen werden, und das wird nicht klappen, wenn man nur auf sich schaut und nicht auf das achtet, was die Buchwelt eigentlich gerade lesen will. Wenn einem die Leserzahl egal ist, dann kann man natürlich schreiben, wie einem die Nase gewachsen ist, aber dann sollte man auch nicht enttäuscht sein, wenn man weder Verlag noch Leser findet. Und welchem Autor reicht das schon aus?

8. Hast du noch etwas, was du deinen Lesern sagen möchtest?

Den Lesern meines Buches kann ich natürlich nur sagen: Ihr habt alles richtig gemacht! ;) Aber im Ernst: All den Lesern meines Buches kann ich natürlich nur "Danke!" sagen, dass sie einem (nicht mehr ganz so jungen) Jungautoren ein Stückchen ihrer Zeit gewidmet haben. Allen anderen würde ich vor allen Dingen dazu raten, mehr Leseproben zu lesen. Das meine ich wohlgemerkt nicht nur auf mein eigenes Buch bezogen, auch wenn es mich natürlich freuen würde, wenn einige Leser dieses Interviews mal hinter das Cover des Buches mit dem komischen russischen Namen im Titel blicken und sich vom Geschriebenen überzeugen lassen. ;) Es würde aber eben auch der Buchwelt als Ganzes gut tun. Viele schlechte Bücher sind erfolgreich, weil vergangene Bücher des Autors oder der Autorin gut gewesen sind, weil die Autoren prominent sind, weil irgendwelche Kritiker das Buch aufgrund suspekter Kriterien mit Preisen ausgestattet haben, weil über den schlechten Inhalt ein wunderschönes Cover gesetzt wurde, oder weil ein massiver Werbeaufwand betrieben wurde. Viele gute Bücher gehen hingegen vollkommen unter. Also, schaut euch Leseproben an und lasst euch überzeugen, auch wenn der Autor vielleicht keinen Verlag gefunden hat und selbst publiziert, oder wenn er nicht gerade das künstlich gepushte Aushängeschild eines Großverlags ist. Im Latos-Verlag, der "Das Haus Komarow" veröffentlicht hat, erscheinen beispielsweise in den kommenden Wochen Bücher von Autoren wie Nils Nöske, Kerry Greine und Eva Maria Hux, von denen die Allgemeinheit bisher vermutlich recht wenig gehört hat. Ihr könnt euch aber sicher sein, dass sich der Verlag etwas dabei gedacht hat, deren Bücher auszusuchen und zu verlegen, also schaut mal bei ihnen rein. Und schaut natürlich auch ins "Haus Komarow". ;)

Abschließend sei vielleicht noch auf drei Links hingewiesen, wenn die Propaganda an dieser Stelle sein darf: Unter der Adresse www.axel-saalbach.de könnt ihr mehr über mein Buch erfahren, bei www.facebook.com/axelsaalbach könnt ihr mein Autorenprofil finden, und auch bei www.leserkanone.de ist jeder Besucher gern gesehen. So, und solltet ihr tatsächlich bis hierhin drangeblieben sein, obwohl ich mich alles andere als kurz gefasst habe, dann möchte ich mich noch für die Aufmerksamkeit bedanken, die ihr meinen Antworten geschenkt habt. Und bei Sally für den Platz, den sie mir in ihrem feinen Blog gewidmet hat! :)



Vielen dank an Axel Saalbach, für dieses tolle Interview :)

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